Meine Facharbeit

 

Im Rahmen des Studiums

 

Psychologie / Psychotherapie

 

 

Des Fachkollegs des Bundesverband FVDH e.V.

Berufs- und Fachverband

 

 

 

Das Menschenbild des Gesprächspsychotherapeuten

 

aus psychologischer und philosophischer Sicht

 

      

Michael Rohrschneider

 

                                                                                                        Heilpraktiker

 

  Sand 13 - 21073 Hamburg

 

 

  Hamburg, den 20.4.2009

 

 aus technischen Gründen waren die Grafiken nicht darstellbar

 

         Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung

  1. Hauptteil

- Humanistische Psychologie

  • Das Menschenbild in der personenzentrierten Gesprächspsychotherapie

  • Vedanta-Philosophie

  • Das philosophische Menschenbild im Vedanta

  • Fully functional person und das Ego-Erwachen des Vedanta

  • Transpersonale Psychologie

  • Der wahre Therapeut

  • Begegnung

  1. Schlussteil

  • Schlussbetrachtungen

  • Resümee

 

Einleitung

 

Rogers Vorstellung vom Guten im Menschen hat mich inspiriert im Rahmen dieser Ausbildung, die humanistischen Menschenbilder des Carl Rogers und Abraham Maslow und das darauf aufbauende Menschenbild in der transpersonalen Psychologie des Stanislav Grof mit dem Menschenbild der indischen Vedanta-Philosophie in Beziehung zu setzen. Es ist der Versuch mit dem aus dem Hinduismus hervorgegangenen Vedanta das Menschenbild der humanistischen Psychologie zu stützen und zu erweitern, transpersonal hin zum grundlegenden Sein im Sinne von Stanislav Grof und des Vedanta. Den Begriff Kongruenz über die Grenzen von Selbstbild und Idealbild zu erweitern, zur Kongruenz im psychologischen und existenziellen Konsens des Menschseins, ohne in den Bereich religiöser Glaubensfragen zu geraten. Die östliche Vedanta-Philosophie als Basis der humanistischen, transpersonalen Psychologie. Die Begegnung östlicher Philosophie und westlicher Psychologie im Menschlichen.

 

 

Hauptteil

 

Humanistische Psychologie

 

Maslow geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus gut ist und eine Tendenz zur Entfaltung hat. Er versteht unter Selbstverwirklichung eine mystische Erfahrung in der der Mensch über sich hinaus geht zur Einheitserfahrung mit Menschheit und Universum. Dieses menschliche Entwicklungsschema wie Maslow es skizzierte, wurde von Stanislav Grof Ende der 60 Jahre des letzten Jahrhunderts als Basis für die transpersonale Psychologie übernommen. Der Mensch als spirituelles Wesen in der Psychotherapie eröffnet neue Wege und Ziele. Weg vom Bild eines triebgesteuerten Menschen Freuds zum spirituellen Wesen mit der inhärenten Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und Befreiung.

 

Das Menschenbild der humanistischen Psychologie ist eine Annäherung an verschiedene philosophische Menschenbilder, wie es z.B. auch in der Vedanta- Philosophie finden. Der Mensch als sich entwickelnde Persönlichkeit mit seinen geistigen und psychischen Fähigkeiten und dem natürlichen Bedürfnis zur Transzendenz und Verwirklichung.

 

 

Das Menschenbild in der personenzentrierten Gesprächspsychotherapie

 

Das Menschenbild von Carl Rogers, in dem der Mensch dem Wesen nach gut ist, wie Maslow es auch verstand, mit der Selbstaktualisierungstendenz und dem Streben nach positiver Anerkennung ist der Ausgangspunkt meiner Ausführungen in diesem Abschnitt. Es gilt hier zu unterscheiden zwischen den eben erwähnten grundsätzlichen Anlagen im Menschen und was an äußeren Einflüssen im Lichte der Selbstaktualisierungstendenz und dem Streben nach positiver Anerkennung für die Person in der Weise verwertbar ist, dass es diesem natürlichen Streben erfolgreich dient.

 

Natürlich ist es letztendlich nicht möglich kategorisch zu bestimmen was„ gut“ bzw. schlecht ist, ohne in den Bereich der Philosophie zu begeben, da es sich um Wertigkeiten handelt, die situationsbezogen vom Einzelnen durchaus sehr unterschiedlich betrachtet und empfunden werden können. Im Zusammenhang mit der Gesprächspsychotherapie ist das, was für das Individuum ohne Verzerrung oder Ablehnung in das Selbstbild integriert werden kann und zur Kongruenz und Sozialisierung der Person beiträgt, sicher als „gut“ zu bezeichnen. Man kann also sagen, dass das was der Selbstverwirklichung des Menschen in diesem Sinne dient, „Gut“ ist. Es ist dabei zu beachten, dass etwas durch die Integrierbarkeit und dem Vorgang der Integration für die Person die Eigenschaft „Gut“ bekommt. Integrierbar bedeutet also eine Meinung, ein Gefühl, eine Wahrnehmung so in das Selbstbild einfügen zu können, dass es in Kongruenz mit dem Vorhandenen steht. „Gut“ heißt also im Konsens sein.

 

Selbstaktualisierungstendenz ist der Wunsch und das Bestreben, die innere Welt des Selbstbildes in der Konfrontation mit dem eigenen Denken und Gefühlen sowie den Anforderungen der äußeren Welt in Einklang zu bringen. Es ist das natürliche, menschliche Bedürfnis nach Wachstum und Anpassung, das den Menschen veranlasst, neue Erfahrungen mit sich und der Umwelt in das eigene Selbstbild zu integrieren. Ist eine Integration möglich, es wird also weder verzerrt noch abgelehnt, bleibt oder kommt die Person in Kongruenz mit sich.

 

Es besteht der Wunsch nach Selbstverwirklichung. Das Selbst, jenes vom Individuum aus Erfahrung, Wahrnehmung, Denken, Gefühlen, Meinungen und Emotionen geschaffene innere Selbstbild als reflektorische Basis für neue Erfahrungen der inneren oder äußeren Welt. Selbstverwirklichung heißt, die Inhalte des Selbstbildes angstfrei in Bezug zur Lebenssituation zu setzen, zu äußern und positiv anerkennen zu können.

 

Der Wunsch positiver Anerkennung ist im Bild der humanistischen Psychologie ein weiterer Grundpfeiler der kongruenten Persönlichkeitsentwicklung. Ohne positive Anerkennung, also ohne eine positive Reflexion auf die Gefühle, Gedanken und Handlungen eines Menschen, kann kein eigenes positives Bewertungssystem entwickelt werden. Positive Reflexion durch wichtige Bezugspersonen bedeutet das bedingungslose Anerkennen der anderen Person in Wort, Tat und Emotion. Wobei wichtig ist zwischen Anerkennen und Gutheißen zu unterscheiden. Ein Gefühl wie Zorn als gegeben, also existenziell anzuerkennen ist nicht gleichbedeutend es gutzuheißen. Etwas existenziell anzuerkennen bedeutet die Tatsache als gegeben hinzunehmen, es darf sein. Gutheißen oder ablehnen ist eine Bewertung aus einem individuellen Bewertungssystem heraus, also eine persönliche Interpretation aus dem eigenen Selbstbild heraus. Ich kann also z.B. eine Emotion positiv, das heißt existenziell anerkennen, sie ist da und darf da sein, ist aber für mich persönlich im Konsens der Situation nicht nachzuvollziehen oder angemessen. Die individuelle Bewertung durch wichtige Bezugspersonen, z.B. Eltern, kann so zu einer Diskrepanz zwischen Selbstbild und Idealbild entstehen, also eine Inkongruenz. Der Konflikt, der hieraus resultiert, kann die Basis für verschiedene psychische Störungen sein.

 

Als Basis für eine Gesprächstherapie wird so ein Raum der Begegnung geschaffen, in dem das Vertrauen in der Klient /Therapeut-Beziehung wachsen kann. Der Klient darf in diesem geschützten Raum so fühlen, denken und handeln wie es seiner inneren Situation entspricht. Im Selbstbild kongruent sein heißt, ich darf so sein wie ich bin. Das Idealbild, welches durch Konditionierung, gesellschaftliche Normen oder Moralvorstellungen, reaktive Einflussnahme wichtiger Bezugspersonen entwickelt wurde, darf in Frage gestellt und bestenfalls als Leitbild durch das kongruente Selbstbild abgelöst werden. Wenn Selbstbild und Idealbild in Kongruenz sind, kann meiner Meinung nach der Begriff

 

fully functional person“ der von Carl Rogers geprägt wurde, Anwendung finden. Da durch die Aktualisierungstendenz stets neue Aspekte integriert werden müssen, ist aber die Verschmelzung Ideal- und Selbstbild nicht möglich. Der Begriff „fully functional person“ steht für eine Person, die in der Lage ist mit sich kongruent zu sein, sich zu aktualisieren und möglichst autonom ist, also ein der Kongruenz entsprechendes Verlangen nach positiver Anerkennung hat.

 

Je weniger eine Person in Inkongruenz mit sich ist, desto geringer wird das Verlangen nach positiver Anerkennung sein. Eine “fully functional person” findet seine positive Anerkennung in seinem eigenen Selbst. Spiegelt sich das Fühlen, Denken und Handeln kongruent im Selbst, ist die Person mit sich im Einklang und wird im Prozess der Aktualisierung weniger auf die positive Anerkennung von außen angewiesen sein.

 

 

Vedanta-Philosophie

 

Die Vedanta-Philosophie, die ich hier als Grundlage meiner philosophischen Betrachtungen gewählt habe, hat seine Wurzeln im Hinduismus. Es ist sozusagen die Schlussbetrachtung der indischen Veden, der über Fünftausend Jahre alten heiligen Schriften Indiens. Vedanta lässt sich übersetzen als Veda – das Wissen und Anta das Ende. Vedanta ist eine logische letztendliche Konsequenz aus den Veden und darüber hinaus ein Weg zur höchstmöglichen Seinserkenntnis. Vedanta erhebt nicht den Anspruch die Wahrheit zu sein, es ist ein Weg zur Wahrheit. Wenn der Vedanta auch seine Wurzeln in der hinduistischen Religion hat, sehe ich den Vedanta eher als eine Philosophie, da er weniger eine Glaubensfrage als eine logische Ergründung mit dem Ziel der Selbsterkenntnis ist. Ein Grundsatz des Vedanta lautet:

 

Glaube nicht was Dir ein Lehrer oder Gelehrter erzählt, lehne aber nichts ab ohne es vorher zu überprüfen, darüber tiefgründig nachzudenken und es auszuprobieren .“

 

Eine praktizierbare Philosophie, die zur Überprüfung und praktischen Anwendung auffordert, nicht eine Aufforderung zu einer unkritischen Gläubigkeit. Wissen kann zu Erkenntnis führen und Erkenntnis zum Glauben. Wie soll jemand ernsthaft an etwas glauben, was er nicht kennt? Wenn Religion im Konsens mit Glauben gesehen wird, entspricht Vedanta also mehr einer Philosophie, die zum Glauben führen kann.

 

Der Prozess der Menschwerdung mit dem Ziel Selbsterkenntnis, der Erkenntnis des Menschseins kann eben so wenig von einander getrennt werden wie Psychologie und Philosophie. Die Psychologie der Menschwerdung und die Philosophie des Menschseins. Menschliche Entwicklung setzt das Menschsein voraus. Was können wir unter Menschsein verstehen? Die Vedanta-Philosophie geht von einem absoluten Bewusstsein (Brahman) aus. Dieses absolute Bewusstsein ist unbedingt, es existiert aus sich heraus ohne Anfang und Ende, eigenschaftslos, ohne Wandel, um nur die wichtigsten Attribute zu nennen. Es wird reines Bewusstsein genannt, Urgrund einer jeden Existenz, also auch der Menschlichen. Wir finden diesen Begriff des Bewusst- Seins, Urgrund, ebenso in der christlichen Mystik eines Meister Eckhart, jenseits jeder Vorstellung von Gott. Im Vedanta wird das reine Bewusstsein auch als Selbst bezeichnet, die wahre Existenz außerhalb jeder Polarität. Die Essenz der Selbstergründung des indischen Heiligen Ramana Maharshi „Sei was Du bist“ fordert auf, mit der eigenen Existenz in Einklang zu sein, weg von den Vorstellungen dies oder jenes zu sein. Ich bin das was ich bin. Meister Eckhart hat es mit seinen Worten: „Die Menschen sollen nicht soviel über ihr Tun nachdenken, sondern vielmehr darüber, was sie sind“Deutsche Werke V, S.197f (Quint,S57) auf ähnliche Weise ausgedrückt. Im Einklang sein mit dem Selbst, mit sich selbst, im Sinne der Existenz. Die Vorstellung, ich bin dieses oder jenes verdeckt das Wesentliche, das Selbst. Das Selbst ist gedanklich nicht erfassbar, es ist nicht zu verstehen oder zu begreifen. Das zu sein was ich bin heißt, das Selbst zu sein, nicht es zu erfassen oder gar zu begreifen. Das Selbst als eigentliche Existenz bringt mit sich, das ich schon immer dieses Selbst war und es immer sein werde. Ich muss es nicht erlangen oder erfahren, ich bin es. Aus diesem Zusammenhang wird ersichtlich, dass es darum geht, Irrtümer betreffs der eigenen Existenz zu beseitigen und nicht etwas zu verwirklichen was ich schon immer war. Selbstverwirklichung in diesem Zusammenhang bedeutet, das Selbst zu sein. In der Vedanta-Philosophie werden die Begriffe Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit (Sat,Chit, Ananda) als Attribute der wahren Existenz, des absoluten Bewusstseins gesehen. Diese Aussagen könnten leicht als religiöse Vorstellungen betrachtet werden. Ich möchte dieses möglichst kurz verständlich machen. Die Vedanta- Philosophie ist ein interreligiöses Weltbild, in dem alle Religionen vorurteilsfrei, mit ihren unterschiedlichen Glaubensinhalten Raum haben können. Der Urgrund, das eigenschaftslose Sein (Gott), erlaubt die unterschiedlichen Gottesbilder und religiösen Praktiken der verschiedenen Religionen konfliktlos bestehen zu lassen. Die Aussage von Swami Vivekananda, ein Schüler von Ramakrishna: „Es gibt so viele Religionen wie es Menschen gibt“, legt Zeugnis davon ab. Jeder Mensch hat auch als Angehöriger einer Religionsgemeinschaft doch sein individuelles religiöses Welt- und Gottesbild, selbst ein Atheist. Ein Vedantin begegnet Menschen anderer Religionen, Gesellschaftsformen, Hautfarbe und gesellschaftlicher Stellung unvoreingenommen, wertschätzend und emphatisch, empfindet ihren Glauben als Bereicherung seiner eigenen Überzeugungen.

 

Es kann also gesagt werden, dass im vedantischen Menschenbild zunächst der Urgrund der menschlichen Existenz erklärt wird. Der Mensch in seinem Urgrund das reine Sein, Bewusstsein. Bewusstsein ist, wie schon oben erwähnt, identisch mit Gott. Der Mensch ist demnach seinem Urgrund, seinem Wesen nach göttlich, mit allem Eins. Allein diese Auffassung des Vedanta erfordert ja eine höchst möglichste Wertschätzung des Anderen, der im Sinne des Vedanta in seinem Wesen nicht verschieden von mir ist, ja Gott ist. Wir sind ein und dasselbe in unterschiedlicher Form. Das menschliche Wesen unwandelbar, eigenschaftslos und endlos entzieht sich dadurch jeglicher Be- oder gar Verurteilung. Es ist die Vollkommenheit, Brahman oder auf den einzelnen Menschen bezogen Atman genannt. Im Vedanta wird eine Metapher verwendet, die dies leicht verständlich macht. Brahman und Atman sind identisch wie der Raum um das Gefäß (Brahman) und im Gefäß (Atman). Sie scheinen durch die Form voneinander getrennt, sind aber eines. Das Gefäß kann unterschiedlich sein in Form und Eigenschaften, der Raum ist form- und unterschiedslos. Das Sein ist form- und unterschiedslos, das Individuum als Ausdruck des Seins ist unterschiedlich in Name und Form. Zerbricht die Form, ist der Raum innerhalb des Gefäßes (Atman) und der Raum um das Gefäß (Brahman) scheinbar wieder vereint, obwohl sie in Wahrheit nie getrennt waren. Selbsterkenntnis bedeutet also, Brahman und Atman als identisch zu erkennen jenseits der begrenzenden Form.

 

Daraus lässt sich schließen, dass jede Begegnung eine Begegnung mit mir selbst ist, eine Begegnung die auf dem Irrtum des Getrenntseins beruht, dadurch aber erst zur Begegnung wird. Begegnung ist die Erfahrung des Getrenntseins vor dem Hintergrund der Einheit. Da unsere Sinne nur das Wandelbare erfassen zu vermögen, das was entsteht, vorhanden ist und wieder vergeht, also das was in Erscheinung tritt, ist Begegnung eine Illusion des Getrenntseins. Menschliche Begegnung ist im allgemeinen das Zusammentreffen zweier Individuen, die sich ihrer Unterschiedlichkeit aber nicht ihrer Einheit bewusst sind.

 

Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal Meister Eckehart zitieren:

 

Verwickelt Euch nicht in kleine Dinge denn Ihr seit nicht zu Kleinem geschaffen.“ Wo Gott keinen Namen hat, Hasso Schelp, S.48, 40. In diesem Zusammenhang verstehe ich bemühen als den Versuch, die Erscheinung, das Kleine, zu verstehen, also zu interpretieren. Da es keine bewertungsfreie Interpretation gibt, kann nur der Versuch der uneingeschränkten Wertschätzung, also die vorurteilsfreie Anerkennung der Individualität und Einzigartigkeit dieser Person, uns einen wesentlichen Schritt vom Kleinen zum Großen voranbringen. Das Große für das wir, wie Meister Eckehart sagt geschaffen sind, ist die Selbsterkenntnis, das wahre Sein, jenseits jeglicher Erscheinungsformen. Wie oben schon erwähnt, ist dies die wahre Natur des Menschen und bedarf daher keines Erlangen oder Bemühen. Sich nicht mehr um das Kleine zu bemühen, es zu überwinden, damit das Große im Menschen dem Menschen Lehrer ist.

 

Das philosophische Menschenbild im Vedanta

 

Alle Menschen sind auf dem Wege zur Selbsterkenntnis. Wie ein Mensch auch lebt, was er denkt, wie er handelt, alle sind auf dem Wege zum eigenen Ursprung, ohne Ausnahme. Der Mensch ist Gott seinem Wesen nach. Die Körperlichkeit mit den Sinnen, dem Denkvermögen, sind aus der Prakruti, der Natur, entstanden. Der Mensch als durch die Natur manifestierter Ausdruck des Göttlichen, dem reinen Bewusstsein. Der unbeteiligte Zuschauer im Menschen, das Bewusstsein (Atman), ist der Mensch an sich, unberührt von Freude und Leid, Gut und Böse. Das kleine „ich“ als Basis zur Vorstellung der Individualität, Basis für das Ego und Bindeglied zwischen Atman (Universelles Bewusstsein) und Welt. Ego, ein Selbstbild, ein Konglomerat von Erfahrungen, Wünschen, Neigungen und Hoffnungen.

 

Wo da ein ich, dort ist ein du“, können wir in den vierzig Verse des Ramana Maharshi lesen. (Ramana Maharshi und die Suche nach dem Selbst, s. 230,Vers 14) Der „ich-Gedanke“ ist der erste aller Gedanken. Wenn auch nicht bewusst gedacht, ist der „ich-Gedanke“ stets in jedem anderen Gedanken impliziert. Er ist der Ausgangspunkt unseres Denkens. Ich kann von morgen und gestern sprechen, weil ich mich im heute wähne. Ich kann von dort sprechen, weil ich mich hier wähne und ich spreche von jung und alt stets bezogen auf das Alter der körperlichen Existenz. Der „ich-Gedanke“ ist eine Art Standortbestimmung, er macht mich gedanklich wahrnehmbar und begrenzt mich gleichzeitig. Wahrnehmbarkeit ist gleichzeitig Begrenzung, denken ist begrenzen. Ohne Denken existiert kein „ich“, keine Individualität, also auch keine Begrenzung. Existiert dann ohne ein „ich“ heute und morgen, hier und dort? Es kann also gesagt werden das wir mit einem gedachten ich in einer von uns gedachten Welt, einer relativen Welt leben. Der Mensch als Schöpfer seiner Welt vor dem Hintergrund seiner eigenen Unendlichkeit ist das philosophische Menschenbild im Vedanta.

 

 

Fully functional person und das Egoerwachen des Vedanta

 

Das Selbst in Sinne von Carl Rogers wird im Vedanta als Ego bezeichnet, während, wie schon oben erwähnt, der Begriff Selbst im Vedanta als das Universelle, der Urgrund, die Existenz an sich angesehen wird. Es ist mit dem Begriff der Universalseele von C.G. Jung zu vergleichen. Das Selbst Atman / Brahman. Wenn Menschsein zwei Selbste bedeutet, muss es auch zwei Arten von Selbstverwirklichung geben. Das Erwachen des Ego (Selbstverwirklichung im Sinne von Rogers) und die Verwirklichung des Brahman ( Selbstverwirklichung im Sinne des Vedanta). Diese Begriffe werden so unter anderem in der Schrift von Swami Bhajanananda „Das Ego und das wahre Selbst“ verwendet.

 

Das Ego und das wahre Selbst, Swami Bhajananda vedanta – Zentrum Wiesbaden 1994, S. 26 Ego-Erwachen

 

Ich möchte mich zunächst dem Begriff Ego-Erwachen zuwenden. Jeder von uns lebt in einer eigenen Welt. Es ist das individuelle Abbild der realen Welt in der wir leben, eine persönliche Wahrnehmung und deren Interpretation.. Ich weiß nicht was und wer und wie ich bin, ich weiß nur, was ich über mich denke. Ich weiß nicht wie die Dinge sind, ich weiß nur, was ich über das Wahrgenommene denke. Wir leben in einer realen Welt, die wir nicht kennen und kennen eine Welt, die uns in Bezug auf die individuelle Interpretation real erscheint.

 

Das Erwachen des Ego beginnt, in dem dieses individuelle Weltbild in Frage gestellt wird. Bin ich der für den ich mich halte? Welchen Sinn macht es, dem Erfolg nachzujagen? Warum brauche ich die Anerkennung der Anderen? Hier kommen wir an einen Punkt, den Carl Rogers als das Streben nach positiver Anerkennung genannt hat. Nach Rogers ein Grundbedürfnis des Menschen, das Bedürfnis eines unerwachten Egos im Sinne der Vedanta Philosophie. Dies scheint auf den ersten Blick ein Wiederspruch zu sein. Es handelt sich jedoch um die verschiedenen Stufen der Persönlichkeitsentwicklung. Das unerwachte Ego mit dem Streben nach Erfolg, positiver Anerkennung und das erwachende Ego mit dem Streben nach Selbsterkenntnis. Bei einem Klienten in der Gesprächspsychotherapie wird es sich sicher um ein unerwachtes Ego handeln, weshalb es von essenzieller Bedeutung, ist diese positive Anerkennung dem Klienten zu vermitteln. Positive Anerkennung von anderen als Nährsaft für das Selbstwertgefühl zwingt uns aber in die Abhängigkeit. Es wird keine egobezogene Autonomie angestrebt oder gar erlangt. Im Sinne von Aristoteles: „Glücklich sein heißt, sich selbst genügen.“ Selbstgenügen, sich zu begnügen mit dem, was ich im Selbst finde. Was finde ich im Selbst wie Carl Rogers es versteht oder im Selbst des Vedanta? Es bedarf positiver Anerkennung meiner Gefühle, Gedanken, Handlungen und Emotionen um, in Kongruenz mit sich, kongruent im Ego zu sein. Es bedarf der positiven Selbstanerkennung und der positiven Fremdanerkennung. Es ist dabei notwendig, wie schon oben erwähnt, zwischen der inhaltlichen und der existenziellen Anerkennung zu unterscheiden. Das schwache Ego wird nach beidem streben, das erwachende nach der existenziellen und das erwachte Ego ist autonom genug, davon frei zu sein.

 

Das erwachte Ego ist der Selbstakzeptanz, positiver Selbstanerkennung fähig. Akzeptanz der eigenen Stärken und der Schwächen und fähig sein, ein von innen gelenktes Leben zu führen. Das heißt nach den Werten, die ich aus meinen eigenen Erfahrungen entwickelt habe, zu leben. Das erwachte autonome Ego orientiert sich nicht an den Werten und der Anerkennung der Gesellschaft. Es geht seinen eigenen Weg, im Einklang mit sich selbst. Hier findet sich die Verbindung zur Selbstaktualisierungstendenz, das Entwickeln eines positiven Selbstkonzepts wie Rogers es bezeichnet hat. Diese Tendenz zur Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts im humanistischen Menschenbild finden wir ebenso im Vedanta. In der Welt zu leben, ohne sich an sie zu binden. Der Mensch strebt aus dem Guten zum Guten, soweit er die dazu notwendigen Bedingungen vorfindet mit der Tendenz zur Unabhängigkeit,

 

Der Mensch ist dem Wesen nach gut und strebt zu einem positiven Selbstkonzept und daraus resultierend entwickelt er ein positives Sozialverhalten. Es kann also gesagt werden, dass es sich beim Egoerwachen und der Selbstaktualisierungs-tendenz um den gleichen Entwicklungsschritt in der psychischen Entwicklung handelt.

 

Fully functional person wurde von Rogers als eine Person beschrieben, die offen für neue Erfahrungen und frei von Abwehrverhalten und vom Verzerren der Wahrnehmungen ist, exakt symbolisiert, sich selbst und andere bedingungslos beachtet und selbstbestimmend ist.

 

Stellen wir die Begriffe Ego und fully functional person in einer Grafik gegenüber sind deutliche Parallelen, Ergänzungen und Zusammenhänge zu erkennen. Es wird der gleiche Prozess aus psychologischer und aus philosophisch-spiritueller Sicht beschrieben. Die Begriffe aus dem Vedanta die ich hier in Beziehung zu den Begriffen aus den personenzentrierten Gesprächspsychotherapie setze, sind exemplarisch und spiegeln nicht die ganze Komplexität wieder.

 

Offenheit für die Realität setzt eine abwehr- und verzerrungsfreie Integration für neue Erfahrungen voraus. Offenheit für die Realität bedeutet im Sinne des Vedanta durch das Erwachen des Ego eine Basis geschaffen zu haben für die Selbstverwirklichung (Brahman). Hier ist durchaus eine Parallele mit Maslow zu sehen, der die Befriedigung der Grundbedürfnisse als Voraussetzung für die Erfüllung höherer Bedürfnisse sieht. Als höhere Bedürfnisse kann das oben erwähnte Streben nach Selbstverwirklichung, das Streben zum eigenen Urgrund gesehen werden. Spirituelle Entwicklung braucht einen fruchtbaren Boden durch die Erfüllung der Grundbedürfnisse.

 

Bereicherung der Persönlichkeit ist als Zuwachs von integrierbaren Erfahrungen zu verstehen. Dies ist nur möglich wenn der Prozess der Wahrnehmung frei von Verzerrung und Abwehrverhalten ist. Exaktes Symbolisieren, das Bewusst-machen von Erfahrungen, das Verständlichmachen ermöglicht die Integration und dadurch die Bereicherung der Persönlichkeit durch bisher nicht integrierbare Erfahrungen in das Selbstbild.

 

Selbstakzeptanz, kongruent sein, kann im Grunde mit allen Begriffen der fully functional person verbunden werden. Wirkliche Selbstakzeptanz muss über die Grenzen der Persönlichkeit hinausgehen. Es kann nur dann von Selbstakzeptanz gesprochen werden wenn der Mensch sich in seinem empirischem Selbst und seiner Transzendenz in das Überpersönliche, das höhere Selbst annehmen kann. Wobei zu betonen ist, dass das Annehmen des höheren Selbst sich in diesem Zusammenhang auf das intellektuelle Anerkennen der Existenz des Atman bezieht. Wenn Selbstakzeptanz zur Selbstliebe wird, ist die Basis zur universellen Liebe gelegt.

 

Von innen gelenktes Leben ist die Folge des Egoerwachens. Ein erwachtes, ein starkes Ego ist frei von gesellschaftlichen, erziehungsbedingten Konditionierung-en. Das Wirken und Denken eines Menschen mit erwachtem Ego wird aus dem Ego-Ursprung, dem reinen Bewusstsein geprägt. In der Bedürfnispyramide von Maslow sind die Ebenen Anerkennung und Wertschätzung sowie Sozialbedürfnis entsprechend. In der vorher gezeigten Grafik habe ich aus Übersichtsgründen die drei Begriffe bedingungslose Beachtung von sich selbst und anderen (3), Selbstbestimmtheit (4) und frei von Abwehrverhalten und Verzerren (5) ausgewählt. 1,2,6,7 sind ebenfalls dem von innen gelenkten Leben zuzuordnen. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass in dem vom Atman, dem eigenen Urgrund durchwirkten Ego, das Gute die treibende Kraft ist.

 

Moralische Stabilität ist ein wesentliches Merkmal eines Menschen mit erwachtem Ego. Positives Sozialverhalten ist ohne moralische Stabilität undenkbar. Hiermit sind nicht die austauschbaren Moralvorstellungen verschiedener Gesellschaftsformen gemeint, sondern vielmehr die höhere Moral oder Ethik. Stabilität im Mitgefühl, Ehrlichkeit, Hingabe, Menschlichkeit, um nur einige zu nennen.

 

Bescheidenheit, sich selbst genügen. Die eigenen Stärken und Schwächen ins Selbstbild integrieren zu können. Mit sich zufrieden, mit sich in Frieden zu sein

 

ist die Form von Bescheidenheit die ein positives Sozialverhalten fördert. Selbstsucht und Egozentrik stehen im Wiederspruch zur Bescheidenheit, wie sie im Wiederspruch zum positiven Sozialverhalten stehen.

 

Vertiefung der Liebe . Es gibt sicher eine Unmenge Definitionen des Wortes Liebe. Ich möchte Liebe hier als Erkenntnis von Einheit definieren. Liebe als Erkenntnis der Einheit im wahren Menschen. Der wahre Mensch, Einheit im Sein und Vielfalt in der Erscheinung. Je mehr dem Menschen diese Einheitserfahrung bewusst wird, desto größer sein Empathievermögen. Empathie setzt die geistige Überwindung von Grenzen voraus und Liebe kennt keine Grenzen. Ich möchte noch einmal Meister Eckehart zitieren: „Hast du dich wahrhaft selbst lieb, so hast du alle Menschen lieb. Solange du einen einzigen Menschen weniger lieb hast als dich selbst, so lange hast du dich selbst nie wahrhaft lieb gewonnen.“

 

Deutsche Werke l, S. 195

 

Transpersonale Psychologie

 

Wenn ich an dieser Stelle Maslow und Grof erwähne, hat das den Grund, dass Maslow und Grof als Vertreter der humanistischen Psychologie den gedanklichen Schritt über die Grundbedürfnisse des Menschen hinaus zur mystischen Selbsterkenntnis wagten, den Menschen in seiner Komplexität zu erfassen. Maslow stellte sich die Frage, was ungewöhnliche Menschen vom Normalbürger unterscheidet. Er fand heraus, dass sie sich etwas Größerem verschrieben hatten und konsequent ihrer Berufung gefolgt waren. Sie widmeten ihr Leben etwa der Schönheit, der Güte und der Schlichtheit, was Maslow „Seinswerte“ nannte. Das Ergebnis seiner Forschungen in diesem Bereich war seine berühmte „Bedürfnishierarchie“: Auf der untersten Ebene steht das Bedürfnis nach Sauerstoff und Wasser, ganz oben das Verlangen nach spiritueller und psychischer Erfüllung. Fast alle psychischen Leiden entstehen laut Maslow durch einen Mangel an Sinn oder der Angst davor, dass höhere Bedürfnisse nicht erfüllt werden können. Wie oben unter zu 1. erwähnt werden auch im Vedanta die Erfüllung der Grundbedürfnisse des Menschen als Voraussetzung für spirituelle Entwicklung gesehen.

Grof mit seiner Überzeugung durch veränderte Bewusstseinszustände zur Selbsterkenntnis zu gelangen, ist ein weiteres Beispiel für eine die Persönlichkeit überschreitende, transpersonale Therapieform mit dem Ziel Selbstverwirklichung. Die Verwendung von Drogen oder Atemtechniken um andere Bewusstseinszu-stände herbeizuführen, kann ich allerdings nicht im Zusammenhang mit der Selbsterkenntnis im Vedanta sehen. Die Selbsterkenntnis wie sie im Vedanta verstanden wird ist ein absolutes Gewahrsein. Der Geist in seinen Ursprung zurückgesunken, frei von Aktivitäten.

Als wohl bekanntesten zeitgenössischen Vertreter der Transpersonalen Psychologie ist noch Ken Wilber zu nennen. Ihm ist es gelungen, eine Verbindung von östlicher Mystik mit westlicher Psychologie zu schaffen. Er hat ein Modell der Entwicklungspsychologie über die Persönlichkeitsentwicklung hinausgehend, also transpersonal, entwickelt. Persönlichkeitsentwicklung bis hin zur Selbstverwirklichung. Mir scheint das Modell von Ken Wilber der beste Ansatz für meine weiteren Ausführungen über das psychologische, philosophische Menschenbild zu sein. Mein Wortkonstrukt Selbst-Selbstverwirklichung scheint mir hier zutreffend zu sein. Der Mensch, der aus sich heraus zur Selbstverwirklichung im Sinne der Selbstaktualisierung des Selbstbildes (Ego-Erwachen) und im Sinne der Selbstverwirklichung des Atman/Brahman strebt.

Der „wahre“ Therapeut

Der Weg vom Persönlichen zum Unpersönlichen. Der Mensch ist persönlich in seiner Einzigartigkeit als Individuum und er ist universell als Existenz an sich. Es stellt sich hier die Frage : Wie ist die persönliche Existenz des Menschen in Kongruenz mit dem Unpersönlichen zu bringen? Oder anders ausgedrückt: Wie tritt das Wandelbare in Beziehung zum Unwandelbaren? Philosophisch betrachtet ist Existenz nicht wandelbar und auch nicht zerstörbar. Wenn das ganze Universum verschwinden würde und es wäre „Nichts“ mehr vorhanden, dann wäre „Nichts“ noch vorhanden. Es existierte also „Nichts“. Daraus ist zu schließen, dass auch der wahre Mensch Brahman ewig existiert, wenn auch als „Nichts“. Die Vorstellung nichts zu sein, ist für die meisten Menschen äußerst angstbesetzt. Wobei angefügt werden sollte, dass wir uns „Nichts“ gar nicht vorstellen können, was wiederum die Angst hervorruft. Wir haben es mit etwas nicht denkbaren, etwas nicht vorstellbaren zu tun. Hier wird alles gleich, ist nichts voneinander getrennt, hier bin ich Alles, hier wird alles zu „Nichts“ und „Nichts“ zu Allem. Aus Nichts, wie wir diesen Begriff im üblichen Sprachgebrauch verstehen, kann aber nicht etwas entstehen. Also ist „Nichts“ etwas, aus dem alles hervorgeht. Ist „Nichts“ Gott? Der Umkehrschluss Gott ist „Nichts“ kann atheistisch verstanden werden. „Nichts“ ist nicht denkbar, wahrnehmbar und nicht erklärbar und damit weder beweisbar noch zu wiederlegen und trotzdem existent. Es existiert aus sich heraus. Es ist also zu unterscheiden zwischen dem gedachten Nichts und dem Nichts in seiner Existenz. Das Nichtwahrnehmbare ist das Reale, das Nichtbedingte, das Autonome. Das Wahrnehmbare ist das Bedingte, das nicht aus sich heraus existierende. Die Identifikation mit dem Wahrnehmbaren, dem Körper, dem Denken, dem Fühlen macht uns die Vergänglichkeit bewusst, da das Wahrnehmbare auch das Wandelbare, das Vergängliche ist. Angst vor Vergänglichkeit, Angst vor dem was wir Tod nennen. Decartes: „Ich denke, also bin ich“ ist ein Beweis für die Existenz aber nicht der Beweis, dass Denken Existenz ist. Wichtig ist, dass Denken nicht mit Bewusstsein gleichgesetzt wird. Bewusstsein ist die Existenz, das Wahrnehmbare ist Ausdruck der Existenz und Denken als Funktion des Gehirns, ist wahrnehmbar, also ist Denken nicht Existenz.

Ich möchte hier noch einfügen, dass mit Bewusstsein nicht ein Bewußtseinszu-stand im therapeutischen Ansatz von Grof gemeint ist, sondern das Bewusstsein an sich. Ich bin – ohne Existenz kein Prozess, die Identifikation mit dem Sein bringt Distanz zum Prozess. Das Selbst, von dem Rogers spricht, ist ein Prozess, das Selbst aus dem Vedanta ist das Sein, die Existenz, reines Bewusstsein. Körper, Gefühle, Denken sind Prozess, ich bin - ist Sein. Ich bin das Bewusstsein, der Beobachter des Prozesses, unberührt vom Prozess. Kongruenz zwischen Selbst (Ego) und Selbst (Atman) ensteht durch die Bedingungslosigkeit des Atman. Da der Atman bedingungslos in seiner Existenz ist, also aus sich selbst heraus existierend, ohne Ursache. So wie ein Spiegel keine Bedingungen stellt an das, was er reflektiert, stellt der Atman keine Bedingungen an den Prozess. Er ist sozusagen der wahre Therapeut im doppelten Sinne. Er ist - also kein Prozess, er ist der unvoreingenommenen, bedingungslosen Annahme, Offenheit und Wertschätzung in Perfektion fähig. Alles darf sein wie es ist. Der Atman ist demnach immer in Kongruenz mit dem Prozess, der Persönlichkeit. Es gibt also ausschließlich die Inkongruenz innerhalb der Persönlichkeit. In Kongruenz in der Persönlichkeit zu kommen oder zu sein, ist in die Bedürfnispyramide von Abraham Maslow unterhalb von Selbstverwirklichung einzureihen.

Egoerwachen, Kongruenz in der Persönlichkeit ist die Vorstufe, die Basis zur Selbstverwirklichung. Entscheidend ist die Bewusstheit dieser natürlichen Kongruenz zwischen Selbst und den Inhalten des Selbstbildes. Den inneren Abstand zum Prozess der Persönlichkeitsentwicklung zu bekommen als stiller Beobachter. Jeder ist stets dieser Beobachter, nur mangelt es an der notwendigen Bewusstheit, der bewussten Identifikation mit dem Beobachter. Diese Selbstbewusstheit zu erlangen, ist z.B. mittels der Meditation möglich. Dies bedeutet, der Mensch ist aus sich heraus in der Lage zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Wer bin ich? Es zeigt aber auch andererseits, wie wichtig es ist, Erkenntnis über die Persönlichkeitsentwicklung zu erlangen.

 

Selbsterkenntnis ist die Erkenntnis, Bewusstheit über Persönlichkeit und Selbst, die Bewusstmachung des Unbewussten und Bewusstheit im Selbst (Brahman).

 

In der nicht direktiven, klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie soll der Therapeut der Empathie fähig sein, in Kongruenz sein und den Klienten vorbehaltlos wertschätzen. Der wahre Therapeut ist der Therapeut in uns, Atman/Brahman, das wahre Selbst. Alles ist im Selbst und das Selbst in allem, mehr als Empathie, Kongruenz und Wertschätzung, es ist Einheit. In der Persönlichkeitsentwicklung ist ein Therapeut, der in sich kongruent, der Empathie und bedingungslosen Wertschätzung des Klienten fähig ist, sozusagen der wahre Therapeut auf der Persönlichkeitsebene. Ich möchte behaupten, dass der Therapeut in der klientenzentrierten nicht direktiven Gesprächspsychotherapie ein erwachtes Ego sein sollte, um den Anforderungen dieser Therapie zu genügen.

 

Begegnung

 

Im Unterschiedlichen das Gemeinsame zu sehen, Begegnung im Lichte der Einheit. Ich habe versucht, die humanistische Psychologie und die daraus hervorgegangene nicht direktive, klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie, ergänzt durch Beispiele aus der Transpersonalen Psychologie mit der indischen Vedanta-Philosophie zusammenzuführen. Bei dieser Begegnung wird deutlich, dass das Persönlichkeitsmodell nach Rogers durchaus mit der Ego-Theorie der Vedanta-Philosophie vergleichbar ist. Die Selbstverwirklichung wie Rogers sie versteht und das Ego-Erwachen im Vedanta sind vergleichbare Modelle der Persönlichkeitsentwicklung. Die ebenfalls aus der humanistischen Psychologie hervorgegangenen Entwicklungs- und Therapiemodelle von Stanislav Grof und Abraham Maslow gehen den Weg des Vedanta in Richtung transpersonaler Psychologie noch ein Stück gemeinsam. Ken Wilber als wohl modernster Vertreter der Transpersonalen Psychologie ist die Zusammenführung von Psychologie und Spiritualität wunderbar gelungen. Letztendlich hat Wilber sich von der transpersonalen Psychologie distanziert und sieht sich als integralen Denker. Ich glaube dieser formale Schritt zeigt, dass Wilber die Grenzen zwischen Spiritualität und Psychologie auflöst. Künstliche Grenzen, die in einem tiefen ganzheitlichen Verständnis des Menschseins keinen Bestand haben können. Es sind künstliche Grenzen, die, wie so häufig, durch Spezialisierung entstanden sind. Gerade in der Psychologie ist das Bemühen um Wissenschaftlichkeit neben der Spezialisierung eine der Ursachen für das Auseinanderdriften von Psychologie, Philosophie und Spiritualität sowie der daraus sich entwickelnden, gewollten Grenzen. Gewollte Grenzen um die Psychologie zu einer Wissenschaft zu erheben. Wenn wir aber von der Annahme abweichen das Wissenschaft und Realität vergleichbar sind, haben wir die Möglichkeit zu erkennen, dass Wissenschaft eine Disziplin im Bereich der Phänomene ist, Philosophie und Spiritualität aber Wege sind zur Erkenntnis der Wahrheit oder der unmittelbaren Erfassung des Seienden mit der Fähigkeit zur Unterscheidung von Realität (das Seiende) und Phänomenalität. Es geht dabei nicht um die Zusammenführung zweier unterschiedlichen Disziplinen, um eine neu entwickelte interdisziplinäre Wissenschaft, sondern um das Verständnis, die Erkenntnis der menschlichen Existenz in seiner gesamten Komplexität. Spiritualität, Philosophie und

 

Psychologie können nur mit einem geisteswissenschaftlichen Seziermesser voneinander getrennt werden. Eine Sektion führt aber stets zur Zerstörung eines lebenden Organismus. Der geistige, menschliche Organismus, wie ich es einmal nennen möchte, überschreitet die gezogenen Grenzen und geht mit der modernen Definition von Psyche einher, ohne die einzelnen Fakultäten von einander abzugrenzen. Es kann also in diesem Sinne nicht von einer Begegnung gesprochen werden, sondern von der Erkenntnis der interfakultären Verwobenheit. Wie wir in der Naturheilkunde wissen, bringt die Isolation und Verabreichung von den sogenannten Wirkstoffen einer Pflanze andere Ergebnisse als die Verwendung der ganzen Pflanze. Ich möchte hier einmal auf eine Geschichte aus dem Zen-Buddisms zurückgreifen, deren Herkunft ich aber nicht genau belegen kann.

 

Ein Zen-Meister und ein befreundeter Biologe unternehmen eine Bergwanderung. Auf dieser Wanderung entdecken sie eine seltene Blume. Der Biologe in seiner Begeisterung gräbt die Pflanze aus um sie in seinem Labor zu untersuchen und zu bestimmen. Der Zen-Meister sagt zu ihm: „Du kannst sie so lang du willst untersuchen, du wirst ihr Wesen trotzdem niemals verstehen.“

 

Das Erfassen der gesamten Komplexität bringt das Verständnis. Diese Erfassen liegt jenseits intellektueller Fähigkeiten oder wissenschaftlicher Beweisbarkeit. Ich glaube, dass Ken Wilber mit integralem Denken die grenzauflösende Zusammenführung aller spirituellen Wege, philosophischen und psychologischen Modelle meint.

 

Die Suche nach einem Lebenssinn, die Entwicklung, Integration und Umsetzung einer Lebensphilosophie.

 

Die Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen dieser in das Selbstbild integrierten Philosophie, der Lebensumstände und Bezugspersonen. Erwachen des Ego, fully functional person.

 

Spirituelle Entwicklung zur höchsten Erkenntnis. Selbstverwirklichung, Verwirklichung von Atman/Brahman.

 

Die eben gezeigte Grafik soll den möglichen Weg einer menschlichen Entwicklung aufzeigen. Ein fließender Prozess, der die im Menschen angelegten philosophischen, psychologischen und spirituellen Aspekte zur Entwicklung bringt. Es wird deutlich, dass auf der Persönlichkeitsebene bereits alle Entwicklungsmöglichkeiten angelegt sind, die sich bei der forschreitenden Entwicklung in der Einflussnahme proportional verschieben. Diese natürlichen Entwicklungsprozesse bedürfen, wie alle natürlichen Entwicklungsprozesse, keiner Techniken oder Wissenschaft. Sie bedürfen nur einer Weite des inneren Raumes, des Vertrauens und der Hingabe an die menschlichen Fähigkeiten des Wachstums und äußere Bedingungen, die mehr Raum als ausschließlich zur Befriedigung der Grundbedürfnisse geben. Ich glaube Rogers hat dieses ähnlich erfasst und stets sehr auf die natürlichen Prozesse, wie die Tendenz zur Selbstaktualisierung, vertraut, dass z.B. der spirituelle Keim, in jedem Menschen vorhanden, die Tendenz hat sich zu aktualisieren, zu wachsen. Es ist auch der Grafik zu entnehmen, dass die mittlere, grüne Phase, der Prozess zum Egoerwachen oder fully functional person, eine Phase des Wandels ist. Die Grundbedürfnisse nehmen ab, das Streben zur Verwirklichung (Egoerwachen) zu und die spirituellen Bedürfnisse wachsen ebenfalls. Es entsteht eine Koexistenz der drei Aspekte Philosophie, Psychologie und Spiritualität in der Quantität. Damit ist nicht ein friedliches Miteinander gemeint, es ist eine Phase mit Konflikten, ein inneres Ringen um Höheres, was von Krisen gekennzeichnet ist. Krisen des Wachstums, vielleicht kann man es eine spirituelle Pubertät nennen, die in der Befreiung des Geistes und der Selbsterkenntnis mündet. In Frieden mit sich und der Welt sein. Geistige Freiheit ist die bewertungsfreie Wahrnehmung des Gegenwärtigen im Inneren und Äußeren. Die einzige mögliche Gefühlreaktion auf diese Form der Wahrnehmung ist Frieden. Gefühle sind Reaktionen auf Wahrgenommenes, die sich in Emotionen offenbaren können. Arm im Geiste sein, einen leeren Geist haben, wie wir es in vielen spirituellen Schriften erwähnt finden, ist geistige Freiheit, ist Friede mit sich und der Welt, ist höchste Erkenntnis, ist Selbst- und Gotteserkenntnis.

 

Schlussbetrachtung

Ich habe in dieser Arbeit den Versuch unternommen, ein philosophisches Menschenbild und ein psychologisches Menschenbild miteinander zu vergleichen und in Beziehung zueinander zu setzen. Der in der Vergangenheit in fast allen Bereichen der Psychologie, Philosophie und Religion betriebene Separatismus

 

hat eine immer unüberschaubarere Welt mit dem Wahrnehmungsverlust für das Ganze zur Folge. Die interessante Entwicklung in der Quantenphysik und der Hirnforschung geben allerdings Anlass zu der Hoffnung, diesen Weg zu verlassen und Wissen als das höchste Gut der Menschheit neu zu relativieren. Wissen, die heilige Kuh der modernen Menschheit, Wissen ist Macht aber auch Ohnmacht. Ohnmacht für die menschliche Kompetenz in emotionalen und kreativen Bereichen, um nur zwei zu nennen, wenn wir uns zu sehr in den intellektuellen Fähigkeiten verlieren. Wir haben Maschinen erfunden die unsere natürlichen Kapazitäten an Wissensspeicherung, Wissensabgleich und Wissensvermittlung um ein Vielfaches übersteigen. Niemand auf der Welt hat das Wissen abgespeichert, welches wir in den großen Computern finden. Ganze Bibliotheken sind in solchen Rechnern gespeichert. Wir haben längst den Überblick verloren in den Bereichen der Datenverarbeitung. Wir steuern aber auch aufgrund dieses Technikwahns auf ein erhebliches Defizit unserer eigenen emotionalen Fähigkeiten zu. Technik, Geld und Zeit bestimmen unser Leben. Ich frage mich welche Techniken es zu erlernen gilt, um kreativ zu sein, um zu lieben, um zu verzeihen? Niemand weiß wie man liebt, kreativ ist oder verzeiht und doch können die Menschen es. Wie übt man Empathie, wie gibt man Anerkennung?

 

Die menschliche Begegnung mit Empathie, uneingeschränkter Anerkennung, wie ich Rogers verstehe, ist eine Form der Begegnung, die die menschliche Überlegenheit über jegliche Wissenschaft und Technik aufzeigt. Technik und Wissenschaft ist ohne Gefühl und Seele. Dies ist kein Plädoyer gegen Technik und Wissenschaft, es ist ein Aufruf zur Besinnung auf menschliche Fähigkeiten, die nicht von Maschinen übernommen werden können. Es geht um ein gesundes Gleichgewicht zwischen Wissen und menschlichen Fähigkeiten, den zwischenmenschlichen Lebenselixieren. Ein freundliches Wort, eine bejahende Geste, ein liebevoller Blick, die Schatzkammer des Menschen offenbart sich in diese Welt. Allein die Tatsache, dass in den sogenannten Industrieländern, mit dem so bewunderten technischen „know how“, mehr Menschen Suizid begehen als in den sogenannten unterentwickelten, materiell armen Regionen dieser Erde, sehe ich als einen Beweis für die Notwendigkeit menschlicher Begegnung in menschlichem Bewusstsein. Ich gehe davon aus das viele psychische Störungen auf Mangel an Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz, Mangel an Kreativität und liebevolle Zuwendung auf reduzierte zwischenmenschliche Interaktion zurück zuführen sind. Wir leiden aneinander, miteinander an der mangelnden Förderung menschlicher Qualitäten. Eine Situation zu schaffen, in der Menschen sich in einer Weise begegnen können, die das menschliche Bedürfnis nach Nähe erfüllen kann, ist praktizierte Menschlichkeit. Wahre Begegnung statt Therapietechniken, die in der Anwendung stets kompetenten Therapeuten vorbehalten bleiben. Rogers hat zurecht den Begriff Patient in diesem Zusammenhang abgelehnt. Vielleicht bin ich Rogers Gedanken nicht so fern, wenn ich der Ansicht bin, dass diese zutiefst natürlichen menschlichen Fähigkeiten wie Empathie und die inhärente Möglichkeit zur Selbstverwirklichung nicht im therapeutischen Bereich isoliert gefördert werden sollten. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort was aus dem Munde Gottes geht“ Bibel Mathäus 4,4. Der Mensch, der aus dem Herzen spricht, nährt den Menschen in Psyche, Geist und Seele. Die Fähigkeit zu wahrer Begegnung sollte als ein natürliches Allgemeingut gesehen und entsprechend gefördert werden. Ich glaube man kann in unserer „sogenannten“ sozialen Gesellschaft, wo der Begriff sozial sehr an materielle Werte verknüpft ist, von einer Art sozialer Armut in Bezug auf Begegnung sprechen. Die Ursache liegt meines Erachtens in der Vernachlässigung in der Persönlichkeitsentwicklung, in doch sehr materialistisch gefärbten Lebensphilosophien und mangelnder Spiritualität.

 

Das Problem in der Persönlichkeitsentwicklung liegt in den gesellschaftlichen Konditionierungsprogrammen, den vermittelten Lebenswerten und der erwünschten Kompatibilität auf das Wirtschaftssystem begründet. Es ist eine zunehmende Uniformität im Verhalten und in anderen Lebensäußerungen zu erkennen. Es geht zu wenig um Individualität als um Effektivität. Das Ziel gibt das Mittel der Wahl vor, wie es an der konformen Sprechweise vieler Politikern zu hören ist. Die kantigen Charaktere sind kaum noch zu finden. Die Ideologie ersetzt die Individualität.

 

Die persönlichen Lebensphilosophien sind meist mehr extern als intern geprägt. Die Wertsuche ist stark extern orientiert und überdeckt die ideellen Werte des inneren Reichtums. Kollektive Anpassung führt zum Verlust einer individuellen Persönlichkeitsentwicklung. Die Jagd nach Anerkennung und Zugehörigkeit ist die überproportionierte Triebfeder zur konturlosen Persönlichkeit, die durch ausgeprägte Persönlichkeiten verunsichert wird und diese ablehnt.

 

Spiritualität in einer individualisierten Form wie wir sie im Hinduismus finden, ist in unsrer Gesellschaft kaum zu finden. Die dogmatischen Vorgaben im Christentum über den sogenannten wahren Glauben geben einer individuellen spirituellen Entwicklung kaum Raum. Meister Eckehart, der christliche Freidenker des Mittelalters oder die Exkommunizierung anders Denkender der Gegenwart durch die Katholische Kirche, legen dafür Zeugnis ab.

 

Die individuelle Selbstverwirklichung zu einer fully functional person im geschützten Raum der klientenzentrierten nicht direktiven Gesprächspsycho-therapie zeigt einen respektvollen Weg zur individuellen Persönlichkeitsentwick-lung. Respekt und Achtung vor der Individualität einer Person, bewertungsfrei und anerkennend im Sinne der Menschenrechte. In den Encounter-Gruppen wird diese Situation auf eine größere Gruppe ausgeweitet. Die Möglichkeit die Enge der wissenschaftlich psychologischen Ansprüche, über die Gruppenarbeit hinaus zu überschreiten, wird eine Grundlage zur Reifung in Persönlichkeit und Menschlichkeit geschaffen, wo sich aus der Klientenzentriertheit eine Mitmenschenzentriertheit entwickelt. Dieser hohe Anspruch an zwischen-menschliche Beziehungen sollte Basis für die sozialen Anforderungen einer zivilisierten Gesellschaft sein.

 

Wie schon am Anfang dieser Arbeit erwähnt finden wir in der Vedanta- Philosophie konforme Ansätze. Persönlichkeitsentwicklung zum Ego-Erwachen wird hier als Basis für menschliches Wachstum im Miteinander gesehen. wobei der Vedanta über das Egoerwachen hinaus einen spirituellen Weg zur Erkenntnis aufzeigt. Selbsterkenntnis /Selbstverwirklichung persönlichkeitsüberschreitend ist Ursprung und Ziel. Der Mensch als spirituelles Wesen in seinem Verlangen nach Ewigkeit bedarf einer über die Persönlichkeit hinausgehende Perspektive. Die Weite der menschlichen Spiritualität wird erst mit zunehmenden Ego-Erwachen erkennbar. Fully functional person ist die Beschreibung eines ausgereiften Persönlichkeitsentwicklungsprozesses. Eine ausgereifte Persönlichkeit wird ihre Zufriedenheit nicht in der stetigen Selbstaktualisierung finden.

 

Eine fully functional person wird sich dem Sog der Spiritualität nicht entziehen können. Es ist nicht eine Frage des Glaubens, sondern die Erfahrung der Sehnsucht nach Höherem. Es tauchen unvermeidlich die Fragen auf:

 

Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Die Aktualisierungstendenz überschreitet die Grenzen der Persönlichkeitserfahrung zur Seinserfahrung. Aktualisierung muss sich aber auf die Vielfalt, das Wandelbare beziehen. Das Unwandelbare kann nicht aktualisiert werden, da es stets dasselbe ist. Frieden kehrt erst dann ein, wenn das Unwandelbare der Atman (das höhere Selbst) verwirklicht ist. Atman zu verwirklichen heißt, das Unwandelbare im Wandel-baren zu erkennen. Die Erkenntnis, alles ist Brahman erübrigt eine Aktualisierung. Es gibt nichts mehr zu erkennen, der Erkennende, das zu Er-kennende und der Vorgang des Erkennens sind ein und dasselbe.

 

Meister Eckhart hat in seiner ihm eigenen Weise einen Weg zur Selbsterkenntnis beschrieben:

 

Dass er mich Gottes ledig mache, darum bitte ich Gott, denn mein wesentliches (essentielles) Sein ist oberhalb von Gott, sofern wir Gott als Beginn der Kreaturen verstehen. Denn in dem selben Sein Gottes, in dem Gott über allen Dingen und aller Unterschiedlichkeit steht, da war ich selbst, da wollte ich mich selbst, da erkannte ich mich selbst, diesen Menschen (mich) zu schaffen. Darum bin ich meinem Sein nach, welches ewig ist, Ursache meiner selbst, nicht aber aufgrund dessen, was ich erst geworden bin, denn das ist zeitlich. Und darum bin ich ungeboren, und darum kann ich niemals sterben. Aufgrund meines Ungeborenseins bin ich ewig gewesen, bin jetzt und werde ewig bleiben. Was ich durch meine Geburt bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist vergänglich. Darum muss es mit der Zeit vergehen. In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge. Und hätte ich gewollt, so wäre weder ich, noch wären alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre auch Gott nicht. Dass Gott Gott ist, dafür bin ich die Ursache.

 

Meister Eckhart Deutsche Werke ll, S. 502-504 (Quint, S.308)

Resüme

Psychologie und Philosophie sind nicht voneinander trennbar. Zur geistigen Trinität wird das integrale Menschenbild durch die Spiritualität. Wie schon oben erwähnt hat die Entwicklung der Neuzeit mit ihrem Spezialistentum gezeigt, dass die Notwendigkeit einer zusammenführenden Entwicklung besteht, wenn wir uns nicht im Detail verlieren wollen. Wenn wir detailliertes Wissen als vorrangigen Parameter der Entwicklung sehen, werden wir uns zu emotional, spirituell, menschlich verkümmerten Denkwesen entwickeln, die ihren Meister in der Computertechnik längst geschaffen haben. Spirituelle Entwicklung, nicht religiöser Fanatismus, bringt Liebe und Mitgefühl für den Einzelnen und das menschliche Kollektiv für ein Miteinander in Menschlichkeit. Die Erkenntnis, dass nur im Miteinander die Ziele Frieden und Freiheit erreicht werden können, macht auch deutlich, dass dieser Prozess der Menschwerdung der Menschheit beim Individuum beginnen muss. Wenn ich mich verbessere, habe ich die Welt ein wenig verbessert. Die Anforderungen an den Therapeuten in der klienten-zentrierten nicht direktiven Gesprächspsychotherapie im psychologischen, philosophischen und spirituellen sind erheblich. Nur ein erwachten Egos wird einer solchen Aufgabe gerecht werden können. Möge diese Arbeit ein Beitrag dazu sein, interdisziplinäre, integrale Bestrebungen zu einem psychologisch, philosophisch, spirituellen Menschenbild zu unterstützen und zu beleben.

 

 

 

Quellennachweis:

 

Meister Eckhart Deutsche Werke V, S.197 (Quint,S.57)

 

Meister Eckhart Deutsche Werke ll, S. 502-504 (Quint,S. 308)

 

Swami Bhajanananda , Das Ego und das wahre Selbst, Vedanta- Zentrum Wiebaden, S. 26 + 28-31

 

Wo Gott keinen Namen hat, Hasso Schelp, Kösel Verlag, S 48, Vers 40

 

Bibel Mathäus Evangelium 4,4

 

Ramana Maharshi und die Suche nach dem Selbst (Ansata Verlag) s. 230 Vers 14